Bis heute ist die 1000 Einwohner zählende Gemeinde Bad Bertrich im Seitental der Mosel der 27. Kanton der Schweiz. Auch zehn Jahre nach der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland ist das Besondere geblieben, das Bad Bertrich mit dem Sommermärchen verbindet.

Von Hans-Peter Schössler

Am 8. Juni 2006 macht die Schweizer Nationalmannschaft hier Quartier. Im »Kurhotel Fürstenhof«, einem von 30 Quartieren in Deutschland, in denen die Mannschaften aus aller Welt unterkommen. Das WM-OK hatte einen Katalog der attraktivsten Orte und Hotels in Deutschland an die Mannschaften gegeben und die Schweiz entschied sich für das schmucke Bad Bertrich. Nicht gerade ein Festspielort für Fußball, aber darum ging es auch nicht. Wohlfühlen, optimal vorbereiten, gute Bedingungen finden, das waren die gefragten Elemente. Die Gemeinde begriff! Man putzt sich heraus, das kleine Stadion wird WM-tauglich gemacht, es finden viele Veranstaltungen statt, vor und während der WM.

Die Welt zu Gast in Bad Bertrich (v. l.): Günter Eichberg, Helmut Probst und Herbert Hilken freuen sich brasilianisch auf das Sommermärchen. Foto: Archiv/Seydel

Die Welt zu Gast in Bad Bertrich (v. l.): Günter Eichberg, Helmut Probst und Herbert Hilken freuen sich brasilianisch auf das Sommermärchen. Foto: Archiv/Seydel

Zu Gast bei Freunden

Das Ziel wird erreicht: Die Schweizer fühlen sich so wie daheim. Wie in kaum einem anderen WM-Standort verbindet sich so viel Sympathie zwischen dem Gast und den Einheimischen. Die Schweizer sind in Bad Bertrich zu Gast bei Freunden. Die Überschaubarkeit des Ortes und der gelebte Umgang mit Gästen helfen dabei sehr. Und im Hotel Fürstenhof sind Walter und Renate Häcker und Anja Schall perfekte Gastgeber. Das schafft Freundschaften, die noch lange über die WM hinausgehen. Der Schweizer Nationaltrainer Jakob »Köbi« Kuhn formuliert es so: »Dass wir im Achtelfinale gescheitert sind, lag nicht an Bad Bertrich und unserem Hotel. Wenn es danach gegangen wäre, hätten wir Weltmeister werden müssen.«

Die Schweizer kommen: Das Team von Köbi Kuhn bezog in Bad Bertrich sein WM-Quartier. Foto: Archiv/Seydel

Die Schweizer kommen: Das Team von Köbi Kuhn bezog in Bad Bertrich sein WM-Quartier. Foto: Archiv/Seydel

Das gab es in der WM-Geschichte noch nie

Mit 23 Spielern, darunter den Bundesligaspielern Philipp Degen, Marco Streller, Alex Frei und Tranquillo Barnetta, reist die Schweiz an. Gebucht hat sie bis zum 10. Juli 2006. Denn am 9. Juli findet in Berlin das Finale statt. Die Schweizer schaffen es nicht bis dahin. Sie reisen am 27. Juni aus Bad Bertrich ab. Bis dahin haben sie eine Menge erreicht und mindesten zwei Besonderheiten geschaffen. In der Vorrunde spielt die Schweiz in Stuttgart gegen Frankreich 0:0, sie gewinnt dann in Köln gegen Togo mit 2:0 und in Hannover gegen Südkorea ebenfalls mit 2:0. Mit sieben Punkten sind sie Gruppensieger vor Frankreich und stehen im Achtelfinale gegen die Ukraine. Es geht aus Bad Bertrich wieder nach Köln. Es wird ein denkwürdiges Spiel. Nach 90 und nach 120 Minuten steht es 0:0. Elfmeterschießen. Die Ukraine gewinnt es mit 3:0. Der Schweizer Mannschaft gelingt das Kunststück, alle Elfmeter zu verschießen. Das hat es in der WM-Geschichte noch nie gegeben. Und auch das gab es noch nicht: ohne ein Gegentor bei vier Spielen scheidet die Schweiz im Achtelfinale aus.

BadBertrichWM1

Die Lotto-Elf gastierte im Kurort (v. l.): Wolfgang Overath, René C. Jäggi und Timo Konietzka. Der Wahl-Schweizer war der erste Torschütze der Bundesliga. Foto: Archiv/Seydel

Sie nannten ihn den »Sonnenkönig«

Tristesse in Bad Bertrich! Doch einer fängt sie mit weit geöffneten Armen und Pathos in der Stimme auf. Bad Bertrichs Bürgermeister Günter Eichberg. Auch das kann keine andere Gastgeberstadt bieten, einen Bürgermeister zwischen Leidenschaft und Verrücktheit. Eichberg hat 1982 die »Mosel-Eifel-Klinik« in Bad Bertrich gekauft. Er besitzt bereits andere Kliniken und kauft im Laufe der Jahre weitere dazu. Eichberg ist ein vermögender Mann. Im Januar 1989 lässt er sich zum Präsidenten von Schalke 04 wählen. Er bleibt es bis Oktober 1993. In dieser Zeit steigt Schalke wieder in die Bundesliga auf, Eichberg verpflichtet Günther Netzer als Manager, den löst er durch Rudi Assauer ab. 1992 kommt Udo Lattek als Trainer. Schalke ist Skandalnudel und Lieblingsobjekt einer ganzen Region. Und wegen seiner extrovertierten Lebensweise und wegen des hemdsärmeligen Führungsstils nennen sie Eichberg den »Sonnenkönig von Schalke«. 1993 geht nichts mehr. Schalke und Eichberg gehen auseinander.

 

Von Palm Beach zurück nach Bad Bertrich

Bis heute ist ungeklärt, wieviel Geld er seinem Lieblingsverein gesteckt hat. Eichberg zieht für acht Jahre nach Florida. Die Geschäfte verlieren an Fahrt, vor allem in den USA büßt er viel Geld ein. Von Palm Beach kommt er zurück nach Bad Bertrich. Und hier wählen sie ihn 2004 zum Bürgermeister. Er bleibt es sechs Jahre und mittendrin liegt die WM 2006. Eichberg hat zusammen mit Walter Häcker einen großen Anteil dran, dass die Schweizer in den Ort kommen. Der Hotelier und der außergewöhnliche Bürgermeister schaffen es. Der kleine Ort wird ein Teil der WM-Geschichte, erlebt die Faszination hautnah, man fühlt »schweizerisch« und hatte womöglich am meisten Angst vor einem Endspiel Deutschland gegen die Schweiz. Für wen hätten die Bertricher nur gehalten?
Günter Eichberg lebt vermutlich heute in seiner Geburtsstadt Gütersloh. Es ist ihm über viele Jahre nicht gut gegangen. Der »Sonnenkönig« hat die Härte der Schattenseiten des Lebens gespürt. Wie auch immer man ihn in Bad Bertrich beurteilen mag: dass die WM mit der Schweizer Nationalmannschaft 2006 ein Sommermärchen im Kurort wurde, das hängt stark mit ihm zusammen.

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